Rob Lavigne: Wie die Appelle einer Patientin uns dazu inspirierten, Phagentherapie für Patient:innen mit Hidradenitis suppurativa zu entwickeln

Unsere Forschungsreise, die in der neuen Publikation in Nature Communications gipfelt, begann nicht im Labor, sondern in Gesprächen mit verzweifelten Patienten und Ärzten. Hidradenitis suppurativa (HS) ist nicht nur ein klinischer Begriff, sondern eine Erkrankung, die das Leben der Betroffenen grundlegend verändert.
Für viele bedeutet HS Schmerzen, wiederholte Operationen und die ständige Unsicherheit, wann die Entzündung wieder aufflammt. Als wir uns diese Berichte anhörten, insbesondere jenen von Susanne De Goeij, wurde uns klar, wie dringend es neue Behandlungsoptionen braucht. Susannes Offenheit und ihr Einsatz für ihre Mitpatient:innen inspirierten uns, diese unterschätzte Krankheit anzugehen.
Trotz moderner Medikamente gibt es für viele patient:innen keine wirksame therapie
HS ist eine chronische entzündliche Hautkrankheit, die sich durch schmerzhafte Knötchen, Abszesse und Fisteln äussert. Infektion mit Bakterien spielt auch eine Rolle. Trotz moderner Medikamente, Operationen und Antibiotika gibt es für viele Patienten keine wirksame Therapie. In unserer früheren Arbeit, die 2023 veröffentlicht wurde, untersuchten wir Läsionen (Gewebeschädigungen) von HS-Patient:innen und welche Rolle verschiedene Bakterienspezies spielen und wir schlugen die Phagentherapie als mögliche Ergänzung der Behandlung vor, wenn antibiotikaresistente Bakterien im Spiel sind. Diese Idee war damals gewagt, wurde aber zur Grundlage für das, was folgte.
In unserem neuen Artikel dokumentieren wir die Entwicklung und die erste klinische Anwendung der Bakteriophagen-Therapie bei HS. Möglich wurde dies durch das PHAGEFORCE-Protokoll, das in Belgien entwickelt wurde, um die Phagentherapie sicher in die klinische Praxis einzuführen. Im Rahmen dieses Protokolls werden Phagen-Präparate in pharmazeutischer Qualität hergestellt, strengen Qualitätskontrollen durch das staatliche Labor Sciensano unterzogen und unter ethischer Aufsicht verschrieben. Es handelt sich um ein System, das Innovationen ermöglicht, ohne die Sicherheit der Patienten zu gefährden.
Erste wissenschaftlich begleitete phagentherapie einer hs-patientin
Innerhalb dieses Rahmens ermöglichte unsere Forschung die Behandlung eines Patienten, dessen HS-Läsionen wiederholt von Staphylococcus aureus besiedelt wurden. Das Ergebnis war beeindruckend: Die Läsionen verschwanden vollständig, der Patient erlebte sechs beschwerdefreie Monate und seine Lebensqualität verbesserte sich dramatisch. Wir beobachteten keine Nebenwirkungen. Für jemanden, der jahrelang Schmerzen ertragen hatte und bei dem die Behandlung versagt hatte, war dies mehr als ein klinisches Resultat in einer Studie – es war ein Moment der Erleichterung und Hoffnung.
Diese Forschung ist anspruchsvoll, weil sie ein breites und multidisziplinäres Team erfordert. Dieser Meilenstein wurde dank der Kreativität und Beharrlichkeit von Lene Bens, der klinischen Vision von An Van Laethem und dem Engagement unseres multidisziplinären Teams der Universitätsklinik UZ Leuven (Willem-Jan Metsemakers) und des Militärspitals Queen Astrid (Jean-Paul Pirnay) möglich. Und vor allem wurde unser Team von Patientenvertretern wie Susanne inspiriert.
Dieser Fall ist jedoch nur ein Anfang, derzeit werden weitere Patienten behandelt. Aber um die bakterielle Besiedelung besser zu verstehen, sind grössere Langzeitstudien unerlässlich, die auf einer kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Forscher:innen, Mediziner:innen, Patient:innen und Patientenvertretungen wie der Hidradenitis Patient Society (HPV) in den Niederlanden aufbauen.
Diesen Beitrag hat der belgische Phagenforscher Rob Lavigne erst auf Linkedin veröffentlicht. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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